Wände müssen atmen

Wand
  

Auf den ersten Blick erscheint das Argument, dass ein Vollwärmeschutz das Atmen der Wände erst recht verhindert logisch.

Doch gilt das, was bei Kleidung vernünftig ist auch für Hauswände?

 

Pettenkofers Irrtum

Die Vorstellung eine Wand müsse atmen können um ein behagliches Raumklima zu schaffen und Schimmel an Wandstellen zu vermeiden, geht auf einen Versuch Max von Pettenkofers[1] im 19. Jahrhundert zurück.

Max von Pettenkofer stellte bei frühen Luftwechsel-Messungen in einem Raum fest, dass sich nach dem vermeintlichen Abdichten sämtlicher Fugen die Luftwechselrate weniger als erwartet verminderte und erklärte dies durch einen erheblichen Luftaustausch durch die Ziegelwände hindurch.

Dabei hatte er jedoch vergessen, den Kamin eines im Raum befindlichen Ofens abzudichten und zog deshalb die falsche Schlußfolgerung.

Der Irrtum, dass der Luftaustausch durch die Zimmerwände hindurch ein wesentlicher Beitrag zur Reinigung der Raumluft sei und Schimmel verhindere ist noch heute weit verbreitet.
Und das, obwohl diese These bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts von Korff-Petersen[2] und Raisch[3] widerlegt wurde.

In einem normalen 1-2  Personen Haushalt werden durch Atmung, Transpiration, Zimmerpflanzen, Kochen usw. ca. 5-10 l Wasser pro Tag als Wasserdampf frei.

 

Feuchteaustausch

Es gilt noch die Frage zu beantworten wie diese Feuchtigkeit aus dem Raum transportiert wird.

In der Tat findet durch Diffusion ein Feuchtetransport durch  die Außenwände statt.

  • Nach bauphysikalischen Erkentnissen kann durch eine Wand maximal ein bis 3% des Wasserdampfes (50 bis 300 Milliliter) diffundieren, unabhänig davon ob das Haus gedämmt oder ungedämmt ist.
  • Bei einer Fassadenfläche von 100 m2 verteilt sind das 3 Milliliter pro m2 und Tag. Drei Würfel mit einer Kantenlänge von einem cm haben das selbe Volumen.

 

Tatsächlich müssen 97 - 99 % der Feuchte im Raum durch Lüftung abtransportiert werden können.

Wichtig ist daher ein regelmäßiger Luftaustausch.

Hausbesitzer können zwischen mehreren Lüftungsvarianten wählen, etwa regelmäßigem Querlüften. Besonders komfortabel sind automatische Lüftungsanlagen. Richtig energiesparend sind Lüftungsanlagen mit einer guten Wärmerückgewinnung.

Natürlich muss eine Wand einen ausreichenden Wärmeschutz aufweisen, da sonst die innere Oberflächentemperatur zu niedrig ist und wir Kälte durch den Strahlungsaustausch empfinden und Schimmelpilzwachstum riskieren.

Außerdem muss die Wand den richtigen bauphysikalischen Aufbau haben, damit im Wandaufbau kein Tauwasser anfällt.

Polystyrol ist so dampfdiffusionsoffen wie Holz. Beide Baustoffe nehmen Wasserdampf auf und geben diesen wieder ab. Der aufgenommene Wasserdampf wrd meist vollständig wieder die Raumluft abgegeben. Die wenigen Milliliter pro Quadratmeter, die tatsächlich bis zur Aussendämmung vordringen, können ohne Probleme an die Aussenluft abgegeben werden.

Quellen:
[1] Dr. Max von Pettenkofer: Über den Luftwechsel in Wohngebäuden, München, Literarisch-Artistische Anstalt der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, 1858
[2] Korff-Petersen, A: „Das Atmen der Wände“. Bauwelt 1922 Heft 4 (Hygienisches Institut der Universität Berlin)
[3] Raisch, Erwin: Die Luftdurchlässigkeit von Baustoffen und Baukonstruktionsteilen“. Gesundheitsingenieur 1928 Heft 30 (Forschungsheim für Wärmeschutz München)

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